Lebenserwartung und Gesundheitserwartung

Schon im Jahr 2012, also noch vor Ver­öf­fent­li­chung der PHD, haben die Jami­nets einen Auf­satz in „Psy­cho­lo­gy Today“ ver­öf­fent­licht (abruf­bar über www.perfecthealthdiet.com). In ihm sind sie sozu­sa­gen einen Schritt zurück­ge­tre­ten und haben den grö­ße­ren Rah­men betrach­tet. Damals wur­den noch regel­mä­ßig Jubel­zah­len über die um 1,8 Mona­te jähr­lich stei­gen­de Lebens­er­war­tung ver­öf­fent­licht. Paul und Shou-Ching Jami­net gos­sen etwas Was­ser in den Wein, mit einer Fra­ge, die sich damals nur weni­ge Fach­leu­te stell­ten, die inzwi­schen jedoch in das Licht einer brei­te­ren Öffent­lich­keit getre­ten ist: Wie kann es sein, dass bei stei­gen­der Lebens­er­war­tung die Gesund­heits­er­war­tung sinkt?

Was ist über­haupt die Gesund­heits­er­war­tung? Eigent­lich könn­te man sie auch die Krank­hei­ter­war­tung nen­nen, man­che spre­chen auch von „Behin­de­rungs­frei­heit“, der eng­li­sche Begriff ist healt­hy life span: Das Alter, ab dem der Durch­schnitt der Men­schen in einer Gesell­schaft dau­er­haft krank ist, meist wird der Zeit­punkt fest­ge­macht an der stän­di­gen Ein­nah­me von Medi­ka­men­ten. In Deutsch­land liegt die Lebens­er­war­tung bei um die 80 Jah­ren, die Gesund­heits­er­war­tung ist inzwi­schen auf Mit­te 50 gesun­ken.

Das Paradox

Wie kann es sein, dass wir in den letz­ten Jahr­zehn­ten immer älter und dabei immer frü­her krank wur­den?

Man­che erklä­ren sich (und ande­ren) die­sen Vor­gang damit, dass die Medi­zin es immer bes­ser schafft, auch chro­nisch Kran­ke am Leben zu erhal­ten – und das unter ande­rem durch frü­he­re Dia­gno­se und in der Fol­ge einen frü­he­ren (medi­ka­men­tö­sen oder chir­ur­gi­schen) Ein­griff in das Fort­schrei­ten einer Krank­heit. Man könn­te die Ent­wick­lung also als Fort­schritt in der Medi­zin fei­ern. Was auf den ers­ten Blick plau­si­bel wirkt, ist für die Jami­nets bei jedoch höchs­tens eine Teil­erklä­rung.

Etwas Geschichte

Schaut man sich das gro­ße Bild an, kann man sehen, dass seit der Stein­zeit und bis 1880 die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung bei Geburt zwi­schen 35 und 40 Jah­ren lag (alle hier zitier­ten Zah­len betref­fen die USA, Deutsch­land folgt im 20. Jahr­hun­dert immer mit einem Abstand von etwa fünf bis zehn Jah­ren). Zwi­schen 1880 und 1950 wuchs sie mit fünf Mona­ten pro Jahr auf knapp 70, bis 2010 ver­lang­sam­te sich der jähr­li­che Anstieg und erreich­te rund 80 Jah­re, Frau­en etwas mehr, Män­ner etwas weni­ger. Was die Jami­nets in ihrem Auf­satz nicht erwäh­nen, was man jedoch bei dem raschen Anstieg in den frü­hen Jahr­zehn­ten im Auge behal­ten muss, ist der rapi­de Rück­gang der Säuglings- und Kin­der­sterb­lich­keit in die­ser Zeit. Die­ser Rück­gang und die stei­gen­de Lebens­er­war­tung sind ers­ter Linie auf die Zunah­me gesun­der Umwelt­be­din­gun­gen in der Zeit von 1860 bis 1950, dar­un­ter deut­lich bes­se­re Hygie­ne und eine reich­hal­ti­ge­re Ernäh­rung in den west­li­chen Indus­trie­län­dern zurück­zu­füh­ren. Die Lebens­er­war­tung folgt der Kur­ve der bes­se­ren Umwelt­be­din­gun­gen mit einer Ver­zö­ge­rung von 20 Jah­ren. Ein Kind, das unter gesün­de­ren Umstän­den gebo­ren wird und auf­wächst, das ist nahe­lie­gend und lässt sich in epi­de­mio­lo­gi­schen Beob­ach­tun­gen nach­voll­zie­hen, hat eine höhe­re Lebens­er­war­tung.

1950 erreicht Gesund­heits­ent­wick­lung der Umwelt ein Pla­teau, ent­spre­chend rech­nen die Jami­nets in ihrem Arti­kel von 2012 bis unge­fähr 2030 mit einer (immer lang­sa­mer) wach­sen­den Lebens­er­war­tung und einer Sta­bi­li­sie­rung um oder knapp über 80 Jah­ren.

Wäre es nicht mög­lich (gewe­sen), fra­gen die Jami­nets, die Lebens­er­war­tung noch ein­mal um 40 Jah­re zu ver­län­gern, auf 120 Jah­re, die der­zeit all­ge­mein als mensch­li­che Höchst­le­bens­er­war­tung ange­se­he­ne Zeit?

Das Plateau neigt sich

Bereits seit 1950 gibt es jedoch nicht nur kei­ne wei­te­re Ver­bes­se­rung der Umwelt­be­din­gun­gen, spä­tes­tens ab 1970 kann man in den USA (und eben nicht nur dort) ein deut­li­ches Anwach­sen von Über­ge­wicht und Adi­po­si­tas beob­ach­ten. Die­sen folgt eine Zunah­me chro­ni­scher Krank­hei­ten, so ent­wi­ckeln min­des­tens 20 Pro­zent der Adi­pö­sen nach durch­schnitt­lich 15 wei­te­ren Jah­ren Dia­be­tes.

In der­sel­ben Zeit explo­die­ren die Gesund­heits­kos­ten, wächst die phar­ma­zeu­ti­sche Indus­trie, nimmt die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung einen zuneh­men­den Anteil am Brut­to­in­lands­pro­dukt für sich in Anspruch – was dar­über jedoch nicht bes­ser wird ist die all­ge­mei­ne Gesund­heit, die Gesund­heits­er­war­tung fällt wei­ter. Was, fra­gen sich die Jami­nets am Ende ihres Arti­kels, wenn alle die­se Anstren­gun­gen einen zu ver­nach­läs­sig­ba­ren Effekt auf unse­re Gesund­heit hät­ten?

Sieben Jahre später…

… tritt bereits ein, was die Jami­nets nur als mög­li­che Ent­wick­lung ange­deu­tet hat­ten: die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung folgt der Gesund­heits­er­war­tung, sie fällt in den USA seit eini­gen Jah­ren (nicht zuletzt wegen der Fol­gen des extre­men Schmerz­mit­tel­miss­brauchs), auch in Deutsch­land geht die Lebens­er­war­tung zurück. Den nach 2000 gebo­re­nen Kin­dern wird inzwi­schen ein im Durch­schnitt kür­ze­res Leben vor­aus­ge­sagt als ihren Eltern – und dabei spielt die Säug­lings­sterb­lich­keit kei­ne sta­tis­ti­sche Rol­le, son­dern das immer frü­her ein­set­zen­de Über­ge­wicht und in der Fol­ge die immer frü­her auf­tre­ten­den chro­ni­schen Erkran­kun­gen.

Zu apokalyptisch?

Nach allem, was wir inzwi­schen wis­sen, ist das ja kein Zustand, dem der Ein­zel­ne schutz­los aus­ge­lie­fert wäre. Die PHD setzt ja genau in die­sem Kon­text an, um näm­lich jeden selbst zu befä­hi­gen, sei­ne Gesund­heit ste­tig zu ver­bes­sern und zu erhal­ten. Denn genau­so wenig, wie wir hilf­lo­ses Opfer unse­rer Gene­tik sind müs­sen wir uns den Krank­ma­chern unse­rer Umwelt (vor allem unse­rer Ernäh­rungs­um­welt) beu­gen.


Ein Gedanke zu „Lebenserwartung und Gesundheitserwartung“

  1. Der genau jetzt vor kur­zem habe ich eine Stu­die gele­sen, dass der Ver­zehr von rotem Fleisch die Lebens­er­war­tung deut­lich senkt, das Krebs­ri­si­ko steigt. Ich bin sehr ver­un­si­chert und weiß als Ärz­tin auch bald nicht mehr, was ich mei­nen Pati­en­ten raten soll. Ich sehe auch immer noch den hohen Fleisch­kon­sum für die Welt­be­völ­ke­rung und die Umwelt kri­tisch.
    Lie­be Grü­ße
    Anke Klein

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