Was heißt supplementativ essen?

Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel haben Hoch­kon­junk­tur. In allen Super­märk­ten und Dro­ge­rien gibt es mehr oder weni­ger „voll­stän­di­ge“ Zusam­men­stel­lun­gen von Mikro­nähr­stof­fen, die ent­spre­chen­de Män­gel bekämp­fen sol­len. Vor allem zu Win­ter­be­ginn sind Zink, Vit­amin C, Cal­ci­um, Vit­amin B12 aber auch weni­ger bekann­te, wie Molyb­dän oder Fol­säu­re, in aller Munde. 

Oft bunt zusam­men­ge­wür­felt, gibt es sie inzwi­schen auch ziel­grup­pen­ori­en­tiert, für Men­schen über 50, oder noch geziel­ter für Män­ner unter Stress und Frau­en in der Meno­pau­se, Kom­bi­na­tio­nen für Über­ge­wich­ti­ge, für Rau­cher, für Schwan­ge­re, für Stil­len­de, für die Alters­grup­pen 80+, 90+, 100+ (letz­te­res ist eine fre­che Erfin­dung des Autors die­ser Zei­len, aber wenn es so wei­ter­geht, ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass es dazu kommt). 

Gleich­zei­tig über­bie­ten sich mehr oder weni­ger wis­sen­schaft­li­che Fern­seh­sen­dun­gen in der Ent­lar­vung die­ses Hokus­po­kus‘ (das Lieb­lings­stich­wort heißt „Sup­ple­men­te erzeu­gen vor allem teu­res Pip­pi“…), und besorg­te Jour­na­lis­ten schrei­ben auch in Publi­kums­zeit­schrif­ten von Krebs­ge­fah­ren man­cher Sup­ple­men­te. Ande­rer­seits gibt es schon seit Jahr­zehn­ten eine Spe­zia­li­sie­rung unter Ärz­ten, die Ortho­mo­le­ku­lar­me­di­zin, die sich mit Mikro­nähr­stof­fen und ihrem Ein­satz in der The­ra­pie befasst, wie­der­um skep­tisch beob­ach­tet von eher kon­ven­tio­nell arbei­ten­den Kol­le­gen ihres Fachs.

Es ist eine, wie über­all im Umfeld der Ernäh­rung, auf­ge­reg­te und zum Teil feind­se­li­ge Dis­kus­si­on. Was also sagen die Jami­nets zu Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­teln und ihrem Nutzen?

Der Zustand unserer Nahrungsmittel

Neh­men wir zunächst das häu­figs­te Argu­ment gegen Sup­ple­men­te: Wenn der Mensch grund­sätz­lich Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel bräuch­te, lie­ße sich nicht erklä­ren, wie er in den ver­gan­ge­nen 2,5 Mil­lio­nen Jah­ren ohne Kap­seln, Pul­ver und Wäs­ser­chen über­lebt hat. Inso­fern kann man davon aus­ge­hen, dass jeder, der sich mit natür­li­chen Nah­rungs­mit­teln ernährt alles, an Mikro­nähr­stof­fen bekommt, was sein Kör­per braucht, oben­drein in der rich­ti­gen Zusam­men­set­zung. Case clo­sed, wie es in den USA heißt, Dis­kus­si­on beendet. 

Ganz lang­sam. Auch wenn vie­le mei­nen, damit die Fra­ge abschlie­ßend beant­wor­tet zu haben, muss man doch dar­auf hin­wei­sen, dass 

  1. die meis­ten sich nicht von „natür­li­chen“ Nah­rungs­mit­teln, son­dern von indus­tri­ell bear­bei­te­ten Pro­duk­ten ernäh­ren, von denen man man­che nur als Nahrungsmittel-Imitat bezeich­nen kann,
  2. die Abwechs­lung, die unse­re Vor­fah­ren, oft not­ge­drun­gen, in ihrer Nah­rung hat­ten, einer viel schma­le­ren Band­brei­te an wenig unter­schied­li­chen Nah­rungs­mit­teln Platz gemacht hat,
  3. die Halt­bar­ma­chung der meis­ten Lebens­mit­tel die Mikro­nähr­stof­fe in ihnen redu­ziert oder sogar vernichtet,
  4. unse­re Böden oft aus­ge­laugt sind, so dass Pflan­zen, die auf ihnen wach­sen oder Tie­re, die auf ihnen gra­sen, trotz ihrer „Natür­lich­keit“ deut­lich weni­ger Mine­ra­li­en wie Magne­si­um auf­neh­men kön­nen, als noch vor 50 oder gar 100 Jahren, 
  5. die Umwelt­be­las­tun­gen und der Stress deut­lich zuge­nom­men haben, was zu einem deut­lich höhe­ren Bedarf an Mikro­nähr­stof­fen wie Vit­amin C führt, 
  6. der hohe Zucker­an­teil in unse­rer Nah­rung u.a. aus­ge­rech­net das vor­han­de­ne Vit­amin C im Kör­per nicht zum Zuge kom­men lässt, weil Zucker des­sen Trans­port­me­cha­nis­men als Gei­sel nimmt, 
  7. der moder­ne Mensch einen deut­lich gerin­ge­ren Kalo­rien­be­darf hat, als sei­ne Vor­fah­ren noch vor 100 Jah­ren, weil sei­ne kör­per­li­chen Anstren­gun­gen meist viel gerin­ger sind. Das bedeu­tet jedoch gleich­zei­tig, dass er noch nähr­stoff­dich­ter und gleich­zei­tig kalo­rien­är­mer essen müss­te als sei­ne Vor­fah­ren, um auf die nöti­ge Men­ge an Mikro­nähr­stof­fen zu kom­men, deren Bedarf, wie ange­spro­chen, gegen­über frü­her unter den Bedin­gun­gen der Moder­ne eben zum Teil noch ange­wach­sen ist. 

Man könn­te das gan­ze Alpha­bet aus­las­ten, woll­te man ver­su­chen, eine abschlie­ßen­de Lis­te zusammenzustellen.

Supplemente als Ergänzung, nicht als Ersatz

Und so kom­men die Jami­nets zwar einer­seits zu dem Schluss, dass vie­le Sup­ple­men­te über­flüs­sig sind oder nur sel­ten gebraucht wer­den, wenn man sich nach PHD ernährt, sie wei­sen aber zugleich dar­auf hin, dass es durch­aus Mikro­nähr­stof­fe gibt, die es zu sup­ple­men­tie­ren lohnt – dar­un­ter das erwähn­te Vit­amin C, das man immer noch mit 1 Gramm am Tag sup­ple­men­tie­ren soll­te, auch wenn man es durch einen deut­lich höhe­ren Gemü­se­an­teil und nied­ri­ge­ren Zucker­kon­sum bereits erhöht hat. 

Und natür­lich braucht kei­ner, der regel­mä­ßig fet­ten Fisch isst und wei­de­ge­füt­ter­te Tie­re (mit rela­tiv hohem Anteil an Ome­ga 3 im Kör­per) EPA- Eico­sapen­ta­en­säu­re /DHA – Doco­sa­he­xa­en­säu­re, die wirk­sa­men Bestand­tei­le von Ome­ga 3 Fett­säu­ren zu sup­ple­men­tie­ren. Aber, Hand aufs Herz, wer von uns isst regel­mä­ßig Inne­rei­en? Acht Gramm Rin­der­le­ber wür­den z.B. im Durch­schnitt auch rei­chen, um den Tages-Bedarf an Vit­amin B12 zu decken, aber eben nur, wenn man sie isst.

100 Seiten Mikronährstoffe

Letzt­lich ist die Fra­ge nach den Mikro­nähr­stof­fen die zen­tra­le Fra­ge des gesam­ten Buchs. Des­halb ist auch der Teil 5 über fast 100 Sei­ten ab Sei­te 361 den Vit­ami­nen, Spu­ren­ele­men­ten und Mine­ra­li­en gewid­met, mit einer sehr detail­lier­ten Beschrei­bung der ein­zel­nen Stof­fe, ihrer Funk­ti­on und vor allem ihrem Zusam­men­wir­ken, soweit es bekannt ist.

Die Jami­nets geben auch sehr genaue Emp­feh­lun­gen, wer unter wel­chen Umstän­den wie­viel sup­ple­men­tie­ren soll­te, wäh­rend sie gleich­zei­tig dar­auf hin­wei­sen, dass der Schlüs­sel zur Gesund­heit „sup­ple­men­ta­ti­ve“, also nähr­stoff­rei­che Ernäh­rung ist. Gesun­des Essen ist, so könn­te man es zusam­men­fas­sen, das Essen, das nicht nur die rela­tiv höchs­te Nähr­stoff­dich­te, son­dern auch die höchs­te Bio-Verfügbarkeit hat. 

Und gera­de in der Bio-Verfügbarkeit liegt ein Pro­blem vie­ler Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel: Fett­lös­li­che Vit­ami­ne wie D3, K2, A oder E ohne gleich­zei­ti­ge Fett­auf­nah­me und funk­tio­nie­ren­de Fett­ver­dau­ung sind (weit­ge­hend) nutz­los. Ein wei­te­res Pro­blem des Sup­ple­ments: Wir ken­nen heu­te rund 60 essen­ti­el­le Mikro­nähr­stof­fe, nicht aber deren genau­es Zusam­men­wir­ken unter­ein­an­der bzw. was Män­gel und vor allem kom­bi­nier­te Män­gel der Mikro­nähr­stof­fe (oder die Über­do­sie­rung des einen bei gleich­zei­ti­gem Man­gel an einem ande­ren) anrich­ten kön­nen. Rech­ne­risch erge­ben sich dar­aus 8,3 mal 10 hoch 81 mög­li­che Fehlversorgungs-Krankheiten. Des­halb führt der ein­zig ver­läss­li­che Weg zu mehr Gesund­heit auf Dau­er nicht in ers­ter Linie über Sup­ple­men­te, son­dern eine nähr­stoff­dich­te und dabei abwechs­lungs­rei­che natür­li­che Nah­rung – womit wir wie­der beim Kochen wären…


4 Gedanken zu „Was heißt supplementativ essen?“

  1. Per E‑Mail erreich­te uns fol­gen­der Kommentar:

    Hal­lo Herr Connertz
    Mineral- und Vit­am­in­sta­tus kann man im Voll­blut mes­sen, die ein­zig wis­sen­schaft­li­che Metho­de um her­aus­zu­fin­den wer was braucht.

    Ursu­la Stix
    FÄ f. Allgemeinmedizin
    Ortho­mo­le­ku­la­re Medizin
    Ernährungsmedizin
    Zecken über­tra­ge­ne Infektionen

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  2. Ich habe eine Fra­ge zu dem Nähr­wert­ge­halt von Leber, ins­be­son­de­re Kup­fer und Vit­amin A.

    Das Buch gibt eine Emp­feh­lung (S.423) von 115 Gramm Lamm- oder Rin­der­le­ber um auf etwa 12–16 mg Kup­fer pro Woche zu kom­men. Nun gibt es aller­dings rie­si­ge Unter­schie­de je nach­dem man nun US oder Deut­sche Inter­net­sei­ten zu Nähr­wer­ten ansieht. 

    Bei­spiel 100g Leber Rind frisch:
    – US https://nutritiondata.self.com/facts/beef-products/3468/2
    Vit­amin A: 5.07 mg (von IU umgerechnet)
    Kup­fer: 9.8 mg

    - DE https://www.naehrwertrechner.de/naehrwerte/Rind+Leber+frisch/
    Vit­amin A: 15.3 mg
    Kup­fer: 3.2 mg

    Das glei­che Mus­ter (in DE bedeu­tend weni­ger Kup­fer, aber ein Viel­fa­ches mehr an Vit­amin A) zeigt sich auch bei Lamm- und Kalbsleber.

    Gibt es einen ver­nünf­ti­gen Grund war­um Leber in DE deut­lich weni­ger Kup­fer ent­hal­ten könn­te als in den Staaten?
    Ich bin näm­lich geneigt eher den DE Anga­ben zu glau­ben, denn ich habe im Voll­blut einen Kup­fer­man­gel, der durch die PHD-Menge von 115g/Woche sich nur mar­gi­nal ver­bes­sert hatte. 

    Des­halb, um auf die emp­foh­le­nen 12–16mg Kup­fer pro Woche zu kom­men, esse ich gera­de 175g Kalbs­le­ber wöchent­lich sowie 30g 70%-ige Scho­ko­la­de täglich. 

    Aller­dings, soll­te der Vit­amin A Wert aus DE stim­men, könn­te das lang­fris­tig zu einer Vit­amin A Über­do­sis führen. 

    Natür­lich wer­de ich bei der nächs­ten Kon­trol­le neben Kup­fer auch das Vit­amin A prü­fen las­sen, aller­dings wür­de mich natür­lich ihre Mei­nung dazu inter­es­sie­ren. Ich hat­te das schon mal ver­such im PHD-Blog zu fra­gen, aller­dings hat­te Paul lei­der nicht dar­auf geantwortet.

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    • Hal­lo,
      spon­tan kann ich die Fra­ge nicht beant­wor­ten; ich lei­te sie ger­ne an den Ver­lag weiter.
      Schö­ne Grüße
      Tho­mas Connertz

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      • Lie­ber Christian,

        zunächst ein­mal bit­ten wir um Ver­ständ­nis, dass wir aus der Fer­ne kei­ne medi­zi­ni­sche Dia­gno­se stel­len oder Rat geben können.

        Auch ken­nen wir die Grund­la­gen nicht, auf deren Basis die zitier­ten Daten­ban­ken die Nähr­wer­te von Lebens­mit­teln ermit­teln. Dar­über hin­aus han­delt es sich immer um Mit­tel­wer­te – das Stück Leber, das Sie bei Ihrem Metz­ger erwer­ben kann durch­aus sehr ande­re Men­gen enthalten.

        Ein abso­lu­ter Man­gel ist oft viel weni­ger pro­ble­ma­tisch, als ein rela­ti­ver, rela­tiv näm­lich zu den Syn­er­gis­ten. Bei Kup­fer ist das in ers­ter Linie Zink. Die Jami­nets war­nen auf Sei­te 423 zwar vor zuviel Kup­fer, aber auch das gilt in ers­ter Linie vor allem wegen des weit ver­brei­te­ten Zink­man­gels, der dann ggf. das Risi­ko eines (rela­ti­ven) Kuper­über­schus­ses verschärft.

        Kup­fer­rei­che Lebens­mit­tel haben aber in der Regel auch rela­tiv hohe Zink­an­tei­le, inso­fern ist das Risi­ko (ohne Sup­ple­men­tie­rung) rela­tiv zu viel Kup­fer auf­zu­neh­men, nicht sehr hoch.

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