Weizenwampe – oder macht Getreide wirklich dick?

Vie­le Jahr­zehn­te lang haben Theo­rie und Pra­xis der Ernäh­rungs­be­ra­tung Über­ge­wicht mit zuviel Essen und zuwe­nig Bewe­gung erklärt. Intui­tiv nach­voll­zieh­bar, aber die meis­ten Stu­di­en bestä­ti­gen das (so ein­fach) nicht. So geht der Bewe­gungs­man­gel nicht dem Über­ge­wicht vor­aus, son­dern folgt ihm, und wenn wirk­lich jede Kalo­rie zuviel ent­spre­chend ein­ge­la­gert wür­de, müss­ten wir längst alle viel schwe­rer sein, als wir es sind. Kalo­ri­en sind nicht bedeu­tungs­los, aber sie erklä­ren vie­les nicht. Also sucht die Wis­sen­schaft nach ande­ren Ursa­chen. Sie hat den über­mä­ßi­gen Ver­zehr schnell anflu­ten­der Koh­len­hy­dra­te (= raf­fi­nier­ter Zucker und raf­fi­nier­te Stär­ke), das damit zusam­men­hän­gen­de Insu­lin, Umwelt­gif­te, Nähr­stoff­man­gel (dar­um ging es im letz­ten Hin­ter­grund­post) indus­tria­li­sier­te Nah­rung im All­ge­mei­nen, Anti­bio­ti­ka, Pflan­zen­kern­fet­te, Süß­stof­fe und eine Hand­voll wei­te­rer poten­ti­el­ler Ursa­chen gefun­den. Vie­le mög­li­che Erklä­run­gen haben die Öffent­lich­keit bis­her noch gar nicht erreicht.

Was in einer brei­ten Öffent­lich­keit dis­ku­tiert wur­de und wird, viel­leicht auch, weil das Phä­no­men mit einem klang­vol­len Stab­reim bezeich­net wird, ist die „Weizen‐Wampe“. Sie ist in Deutsch­land zum fes­ten Begriff gewor­den, auf Deutsch!, obwohl For­schung und Lite­ra­tur dazu weit­ge­hend aus den USA kom­men. Aus­nahms­wei­se klingt jedoch das ame­ri­ka­ni­sche Ori­gi­nal („Wheat‐Belly“) nur halb so schön. Wei­zen und das in ihm in gro­ßer Men­ge ent­hal­te­ne Glu­ten beherr­schen seit etwa zehn Jah­ren (neben Fett, Zucker und Fleisch) den wis­sen­schaft­li­chen und den öffent­li­chen Dis­kurs über Ernäh­rung. Er wird – wie in Ernäh­rungs­fra­gen häu­fig – mit welt­an­schau­li­cher Ver­ve geführt, auch schon mal unter belei­di­gen­den Über­schrif­ten: „Dumm wie Brot“. Und längst wächst der Markt der glu­ten­frei­en Pro­duk­te, kein Super­markt ohne Rega­le unter die­ser Über­schrift.

Und die Perfect Health Diet?

Wie immer ist die Per­fect Health Diet ein biss­chen dif­fe­ren­zier­ter:

Wei­zen ist ein Gras. Grä­ser kön­nen (wie die meis­ten ande­ren Pflan­zen) ihren Nach­wuchs, die Kör­ner, nicht vor Fress­fein­den schüt­zen, indem sie weg­lau­fen, angrei­fen oder sich ver­ste­cken. Also „machen“ sie ihn mög­lichst unge­nieß­bar – oder rich­ti­ger: unver­dau­lich. Außer­dem brin­gen sie ihn in gro­ßer Men­ge aus, so dass es für den Art­erhalt reicht, wenn eini­ge weni­ge über­le­ben. Die­se Logik der Natur macht den Wei­zen und jedes Getrei­de zur (schein­bar) opti­ma­len Kul­tur­pflan­ze. Man kann erheb­li­che Men­gen davon auf­es­sen und behält immer genü­gend Saat­gut für das fol­gen­de Jahr. Und in der Tat war die Ein­füh­rung des Acker­baus mit dem Getrei­de­an­bau ein wesent­li­cher Trig­ger für die Ver­meh­rung unse­rer Spe­zi­es. Aber dafür bezah­len wir auch einen Preis.

Die Jami­nets kon­zen­trie­ren sich in ihrem Buch auf den Wei­zen, weil er die welt­weit häu­figs­te Getrei­de­pflan­ze ist, und weil er das „pro­ble­ma­tischs­te aller Getrei­de zu sein scheint“ (S. 281), auch wenn Rog­gen und Gers­te eben­falls gro­ße Men­gen Bin­dungs­pro­te­ine ent­hal­ten, die ähn­lich pro­ble­ma­tisch sind wie Glu­ten. Wer sich in die Details ein­le­sen will, fin­det in der PHD eine gute Über­sicht in Kapi­tel 19 („Getrei­de“, ab Sei­te 279).

Wei­zen ent­hält Glu­ten, es besteht aus Glu­ten­i­nen und den stär­ker toxi­schen Glia­di­nen. Hin­zu kom­men Opi­oi­de (Glu­teo­mor­phi­ne), die süch­tig machen kön­nen und Wei­zen­keim­ag­glu­ti­nin, das den Darm schä­di­gen kann, so dass Glu­ten über den geschä­dig­ten Darm auto­im­mu­ne Pro­zes­se aus­lö­sen kann. Nun wis­sen inzwi­schen vie­le, dass die „Glu­ten­krank­heit“ Zölia­kie eine Min­der­heit von unter einem Pro­zent betrifft (die Zahl der Betrof­fe­nen wächst aller­dings in den letz­ten Jah­ren stark an). Die Glu­ten­sen­si­ti­vi­tät, die eher lei­se daher­kommt, ist zwar inzwi­schen als Gesund­heits­pro­blem aner­kannt, ob sie aber 10 Pro­zent der Bevöl­ke­rung oder mehr betrifft und was genau Ursa­chen und Fol­gen sind, dar­über strei­tet die Wis­sen­schaft noch (nicht zuletzt, weil die Fest­stel­lung, dass Wei­zen für alle oder fast alle schäd­lich ist, gra­vie­ren­de Aus­wir­kun­gen auf die Ernäh­rung der Welt­be­völ­ke­rung hät­te).

Gibt es Laboruntersuchungen?

Jein. Eine aus­ge­wach­se­ne Zölia­kie kann man zwar im Rah­men einer Darm­spie­ge­lung dia­gnos­ti­zie­ren, oben­drein ist der Zonulin‐Wert (im Stuhl gemes­sen) in den letz­ten Jah­ren als mit­tel­ba­rer Mar­ker für eine Getreide‐Unverträglichkeit immer popu­lä­rer gewor­den. Wei­zen­un­ver­träg­lich­keit im All­ge­mei­nen kann eben­so wie Anti­kör­per gegen Glu­ten im Labor gemes­sen wer­den – aller­dings in Deutsch­land bis­her weit­ge­hend nur gegen Alpha‐Gliadin, wer dage­gen nicht emp­find­lich zu sein scheint, kann immer noch Pro­ble­me mit Glia­di­nen haben, die in der Mes­sung nicht auf­tau­chen.

Was also tun?

Wie fin­de ich also her­aus, ob ich Wei­zen bzw. einen der Inhalts­stof­fe nicht ver­tra­ge? Den meis­ten wird ja nicht nach einem Bröt­chen schlecht. Ein ein­fa­cher Trick: Las­sen Sie mal 30 Tage alles aus Ihrer Nah­rung weg, was Wei­zen ent­hält (und idea­ler­wei­se alle Getrei­de). Leich­ter gesagt als getan: Die Indus­trie rei­chert inzwi­schen nahe­zu alle Fer­tig­pro­duk­te, aber auch von Kos­me­ti­ka bis hin zum ein­fa­chen Haar­wasch­mit­tel mit Wei­zen­be­stand­tei­len an. Erset­zen Sie übri­gens das Getrei­de auch nicht durch Pro­duk­te aus dem „glu­ten­frei­en“ Regal: Wie so häu­fig ist indus­tri­el­ler Ersatz kei­ne gesun­de Alter­na­ti­ve für ech­te Lebens­mit­tel, also kommt auch hier der Hin­weis der in kei­nem Post feh­len darf. Essen Sie natür­li­che Nah­rungs­mit­tel, kochen Sie mög­lichst selbst und ach­ten Sie auf Zusatz­stof­fe, Sie wer­den mit mehr Genuss am Essen und mehr Gesund­heit belohnt.

Vie­le erle­ben bei einem sol­chen Aus­las­sen, dass läs­ti­ge Zip­per­lein, wie Kopf­schmer­zen, häu­fi­ge Durch­fäl­le oder Gelenk­pro­ble­me ver­schwin­den und man­che, die sich bis­her ganz gesund glaub­ten, mer­ken, wie gesund sie tat­säch­lich sein kön­nen. Der eine oder ande­re wird gar die Wei­zen­wam­pe schwin­den sehen.

Woher wis­sen Sie, ob’s tat­säch­lich der Wei­zen war? Essen Sie nach 30 Tagen ein­fach mal eine Piz­za und lau­schen in sich, ob es einen Unter­schied gibt.

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